- Energie- und Mobilitätspolitik, Stromproduktion und Versorgungssicherheit - Pierre-Gabriel Bieri
Zubau Strom – neben weiterhin Öl
Angesichts der geopolitischen Lage und den stetig steigenden Ölpreisen wird in der Schweiz eine Treibstoffknappheit befürchtet. Als Ersatz ist Strom naheliegend, doch dafür müssen zuerst die entsprechenden Produktionskapazitäten geschaffen werden. Demzufolge darf man sich neuen Formen der Kernenergie nicht verschliessen. Öl bleibt noch während vielen Jahren unverzichtbar.
Grosses Risiko einer Treibstoffknappheit
Das Risiko einer Treibstoffknappheit ist in der Schweiz sehr hoch. So ist es derzeit in der Presse zu lesen, die damit die Einschätzung von Fachleuten der Branche wiedergibt. Es wird von einem Ölpreis von bis zu 150 Dollar pro Barrel gesprochen, was einem Anstieg von mehr als 50 % gegenüber der Situation zu Jahresbeginn entspricht. Zum jetzigen Zeitpunkt geht man davon aus, dass nur die reichsten Länder, die auch am ehesten bereit sind, einen hohen Preis zu zahlen, nicht wirklich mit einer materiellen Einschränkung der verfügbaren Mengen konfrontiert sein werden. Aber wer weiss, in welcher Form und wie lange der Konflikt im Nahen Osten noch andauern wird?
Angesichts dieser aussergewöhnlichen Situation stossen Elektrofahrzeuge auf wachsendes Interesse. Strom erscheint generell als Allheilmittel: Er ist äusserst energieeffizient und vor allem sauber, reichlich vorhanden und aus heimischen Quellen stammend. Allerdings muss er in ausreichender Menge erzeugt werden können. Heute deckt die Schweizer Produktion den durchschnittlichen Jahresverbrauch. Allerdings gibt es erhebliche saisonale Schwankungen. Auch ist mit einem recht raschen Anstieg des Bedarfs zu rechnen, bedingt durch Bevölkerungswachstum, Energiewende sowie eine immer intensivere Nutzung der Informatik, insbesondere der künstlichen Intelligenz.
Wenn die Schweiz einen hohen Grad an Energieautarkie aufrechterhalten will, muss sie zunächst ihre derzeitigen Produktionskapazitäten erhalten. Dies bedeutet, insbesondere ihre Kernkraftwerke nicht schneller als nötig vom Netz zu nehmen und ihre Kapazität zu gegebener Zeit zu ersetzen.
Aber auch eine Steigerung der inländischen Produktion ist anzustreben. Derzeit spielen die «neuen erneuerbaren Energien» (Photovoltaik, Windkraft usw.) zwar eine wachsende Rolle, reichen aber noch nicht aus. Auch die Wasserkraft bietet nur ein begrenztes Entwicklungspotenzial und ist im Winter in der Regel weniger effizient.
Kernenergie – das letzte Wort ist noch nicht gesprochen…
Beim Thema Kernenergie stehen die Volksinitiative «Blackout stoppen» und ihr indirekter Gegenvorschlag zur Debatte. Letzterer dürfte während der Juni-Session der eidgenössischen Räte (Geschäft 25.068) hoffentlich angenommen werden. Die Sache ist einfach: Durch die Aufhebung der gesetzlichen Bestimmungen, die derzeit grundsätzlich den Bau neuer Kernkraftwerke verbieten, wird zumindest ermöglicht, dass neue Projekte ins Auge gefasst, geprüft, vorgeschlagen – und genehmigt werden können, sofern alle Voraussetzungen erfüllt sind.
Die Kernenergie, von der heute die Rede ist, ist nicht mehr die des vergangenen Jahrhunderts. Es geht um Kraftwerke der vierten Generation, welche bei der Sicherheit und der Effizienz erheblich weiterentwickelt wurden. Im Juni haben die Parlamentarier die Gelegenheit, die Tür für Lösungen zur Selbstversorgung des Landes mit Strom zu öffnen.
Die Kernenergie von heute ist aufgrund von Sicherheits- und Effizienzgewinnen nicht mehr die des vergangenen Jahrhunderts.
… auch beim Erdöl noch nicht
Muss man daraus schliessen, dass das Zeitalter des Erdöls vorbei ist? Nicht ganz. Abgesehen vom Bedarf der Industrie kann die Erneuerung des Fahrzeugbestands noch Jahre dauern, ebenso wie die der Heizsysteme.
Und dann ist da noch die Luftfahrt: Entgegen dem, was uns eine lautstarke Minderheit glauben machen möchte, steht die Bevölkerung ihr nach wie vor positiv gegenüber. Das zeigen nicht nur die Passagierzahlen, sondern auch eine ganz aktuelle Umfrage im Auftrag des Verbands Aviationsuisse, aus der hervorgeht, dass eine komfortable Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer Flugreisen positiv bewertet und die Bedeutung der Luftfracht für den wirtschaftlichen Wohlstand schätzt. Die Luftfahrt macht erhebliche Fortschritte, um «sauberer» zu werden, doch mit Strom lassen sich derzeit nur kleine Privatflugzeuge betreiben, keine Verkehrsflugzeuge. Wir brauchen zwar immer weniger Erdöl, um uns fortzubewegen, aber wir brauchen dieses immer noch.
Allgemeiner betrachtet nimmt die für das Bruttoinlandsprodukt der westlichen Volkswirtschaften benötigte Ölmenge seit vierzig Jahren stetig ab, wie die Statistiken zeigen. Wir werden effizienter, wir brauchen immer weniger Öl, aber wir brauchen es dennoch.
Damit diese unverzichtbare Ressource zu einem angemessenen Preis verfügbar bleibt und der europäische Kontinent nicht länger der Leidtragende des Machtkampfs zwischen den grossen geostrategischen Blöcken ist, welche die Welt beherrschen, würde die Schweiz einen nützlichen Beitrag leisten, nicht indem sie sich dem einen oder anderen dieser grossen Blöcke anschliesst, sondern indem sie eine Politik der guten Dienste und der Diplomatie im Interesse des Friedens verfolgt.