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- Bern - Thomas Schaumberg

Fachkräftemangel: Zuwanderung als Teil der Lösung

Abbildung zeigt einen Handwerker stellvertretend für denFachkräftemangel. Centre Patronal sieht die Zuwanderung als Teil der Lösung.

Nahezu alle Branchen klagen derzeit über einen Mangel an Arbeitskräften. Die Arbeitslosenquote ist aktuell auf zwei Prozent gesunken. Gleichzeitig zieht die Zuwanderung nach der Corona-Delle wieder vermehrt an. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland, insbesondere im Rahmen der Personenfreizügigkeit mit der EU, den Arbeitskräftemangel dämpfen kann.

Ursachen für den Arbeitskräftemangel

Viele Schweizer Firmen haben grösste Mühe mit Stellenbesetzungen. Der schon länger beklagte Fachkräftemangel hat sich noch einmal verschärft. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Rekordtief: Ende Juli 2022 waren 91’474 Arbeitslose bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) eingeschrieben. Die Arbeitslosenquote verharrte bei 2,0 Prozent. Gegenüber dem Vorjahresmonat verringerte sich die Arbeitslosigkeit um 36’805 Personen (–28,7 Prozent). Der Arbeitsmarkt hat sich somit rasch von der Corona-Pandemie erholt, was sehr erfreulich ist. Auf der anderen Seite stehen gemäss einer Auswertung des Personalunternehmens X28 mehr als 250’000 offene Stellen. Selbst wenn alle Arbeitslosen nach den Bedürfnissen der Wirtschaft vermittelbar wären, könnten daher die vakanten Stellen nicht besetzt werden.

Wie kam es zu dieser Knappheit an Arbeitskräften? Zunächst hat ein erfreuliches Wirtschaftswachstum den Fachkräftemangel befeuert. Nachdem die schlimmste Phase der Corona-Pandemie überwunden war, hat es in den meisten Branchen und in vielen Ländern gleichzeitig einen Wirtschaftsaufschwung gegeben. Die Reise- und Flugbranche ist ein gutes Beispiel für solche Nachholeffekte. Die Airlines und Flughafenbetreiber hatten in der Pandemie Personal abgebaut, welches nun im Aufschwung fehlt. Sehr zum Ärger der Fluggäste! Viele ehemalige Mitarbeitende sind in andere Branchen gewechselt und denken nicht an eine Rückkehr in den alten Job. Ähnliche Tendenzen sind in der Gastronomie und der Eventbranche zu beobachten.

Mögen einige Ursachen für den Arbeitskräftemangel eher kurzfristiger Natur sein, wird sich der demografische Faktor mit der fortschreitenden Pensionierung der sogenannten „Babyboomer“ nun von Jahr zu Jahr verstärken. Allein innerhalb der nächsten zehn Jahre gehen in der Schweiz eine Million Menschen in Rente. In der gleichen Zeit rücken laut Arbeitgeberverband nur 500’000 Erwerbstätige nach. Schon seit 2019 verlassen mehr Erwerbstätige den Arbeitsmarkt, als neue eintreten.

Personalmangel bremst Wirtschaft

In Konjunkturumfragen gaben in der Schweiz über 20 Prozent der Industriefirmen und fast 40 Prozent bei den Dienstleistern an, dass der Personalmangel sich negativ auf die Produktion und das Angebot auswirkt. Letztlich leidet unter dem Arbeitskräftemangel die gesamte Wirtschaft. Können die Arbeitgeber ihre offenen Stellen nicht besetzen, sinken langfristig Produktivität und Wirtschaftsleistung. Das Fehlen von Arbeitskräften führt immer häufiger dazu, dass Handwerksunternehmen gezwungen werden, Aufträge abzulehnen. Insbesondere im Bauhaupt- und Baunebengewerbe ist das bereits deutlich zu spüren.

Eine Anfang Jahr von Angestellte Schweiz veröffentlichte Studie lässt vermuten, dass der aktuelle Mangel nur ein Vorgeschmack auf die Schwierigkeiten ist, die Schweizer Arbeitgeber in Zukunft bei der Personalrekrutierung haben werden. Angestellte Schweiz hat in einer Studie errechnet, dass der Schweizer Wirtschaft allein im Jahr 2025 aufgrund des Personalmangels fast 60 Milliarden Franken verloren gehen könnten. Besonders besorgniserregend seien die Rekrutierungsschwierigkeiten in der Industrie. Die Arbeitgeberverbände teilen diese Feststellung. Sie machen sich Sorgen um den Verlust eines wichtigen Wettbewerbsvorteils, sollte es dauerhaft an qualifizierten Arbeitskräften mangeln.

Antworten auf den Personalmangel

Es stellt sich daher die Frage, was die Schweizer Unternehmen gegen den akuten Personalmangel tun können. Folgende Massnahmen sind erfolgversprechend: höhere Löhne, Digitalisierung und Automatisierung, Investitionen in die Weiterbildung der Mitarbeitenden, verstärkte Rekrutierung im Ausland, Beauftragung von Unternehmen aus dem Ausland, etc. Sicher ist: Schweizer Unternehmen werden nicht darauf verzichten können, verstärkt von Rekrutierungsmöglichkeiten im Ausland Gebrauch zu machen, um ihre Personalprobleme zu lösen. Es ist damit zu rechnen, dass das hohe Schweizer Lohnniveau nach wie vor qualifizierte Zuwanderer aus der EU anzieht.

Doch ist eine sich wieder verstärkende Einwanderung für die einheimische Bevölkerung wünschenswert oder gibt es auch negative Auswirkungen? Der jüngste Bundesbericht zum Freizügigkeitsabkommen Schweiz – EU befasst sich insbesondere mit den Auswirkungen der Personenfreizügigkeit auf Arbeitsmarkt und Sozialleistungen und gibt Antworten auf diese Fragen. Demnach ist weder eine Verdrängung von Inländern noch ein breiter Lohndruck durch die Einwanderung feststellbar. Seit 2010 ist nicht nur die Erwerbsbeteiligung von Ausländern gestiegen, sondern auch jene der Inländer.

Weiterhin wichtig bleiben die flankierenden Massnahmen zum Schutz der Schweizer Lohn- und Arbeitsbedingungen*. Diese spielen eine grosse Rolle bei der Akzeptanz der Personenfreizügigkeit in der Schweiz. Aufgrund der erfreulichen Situation auf dem Arbeitsmarkt bestehen bei den Erwerbstätigen ohnehin kaum Sorgen um den Arbeitsplatz, so dass auch eine wieder steigende Zuwanderung keine Ängste auslösen dürfte. Aber allein die Zuwanderung wird nicht ausreichen. Damit die Anpassung an die Herausforderungen der Zukunft gelingt, muss die Schweiz auch ihr inländisches Arbeitskräftepotenzial mit kreativen Massnahmen ausschöpfen. Dazu gehören Massnahmen zur Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wie beispielsweise bessere Kinderbetreuung, Förderung von Teilzeitarbeit und Home-Office, etc. Aber auch die Beseitigung von Strukturen, die zu einer direkten oder indirekten Benachteiligung der älteren Arbeitnehmenden auf dem Arbeitsmarkt führen.

* Siehe auch den Beitrag von Markus Hugentobler, 21.07.2022 „FlaM: Missbrauch zu verhindern, ist die gesetzliche Vorgabe – adäquate Kontrollen sind das Mittel dazu!“

Weiterführende Informationen:

Bundesamt für Statistik: Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz

Bundesamt für Sozialversicherungen BSV/BFS:



Thomas Schaumberg,
Verbandsmanager

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